Das Wennigser Freischießen

Wann entstand das Wennigser Freischießen, was war die Ursache? Diese Fragen beschäftigen uns immer wieder, wenn das Fest vor uns liegt.

Sicherlich stößt man an Grenzen, wenn man über die Mitte des 19. Jahrhunderts zurückgeht. Was ist wohl der Ursprung des Wennigser Freischießens? Kann man die Antwort im Bereich Wennigsen überhaupt erwarten? Sicherlich nicht, denn das Freischießen beschränkt sich nicht nur auf Wennigsen und somit wird es auch keine spezielle Wennigser Entstehungsgeschichte geben. Bemerkenswert bleibt aber festzustellen, dass dieses Fest bei uns noch gefeiert wird, jedoch in Orten, die es früher auch feierten, nicht mehr.

In Wirklichkeit gibt es keine spezielle Geschichte unserer Dörfer, erst in jüngerer Zeit gibt es Aufzeichnungen, welche über die üblichen Aufzeichnungen von Grundstücksverkäufen und Gerichtsverfahren hinausgehen.

In Dörfern und Städten mit einem ausgesprochenen Gemeinsinn hat sich so manche Tradition, wenn auch in abgewandelter Form, erhalten. So gibt es das Freischießen in unserer näheren Umgebung auch noch in Pattensen und Eldagsen und auch das größte Schützenfest der Welt in Hannover, hat den gleichen Ursprung.

Nach dem 30-jährigen Krieg soll es entstanden sein, so geistert es unbewiesen durch viele historische Hefte. Doch es ist älter und der Ursprung ist gar nicht so nebulös und verborgen, denn es gibt umfangreiche Literatur darüber.

Festgruppe 1958

Die Kriegführung änderte sich durch die Erfindung des Schießpulvers völlig, denn es war nun nicht mehr der Mutigste und Stärkste gefragt, sondern der Geschicktere. War in der Vergangenheit der mutige Recke gefordert, so konnte nun ein schmächtiges Kerlchen aus sicherer Entfernung den mutigsten Krieger ins Jenseits befördern. Nur ein Gewehr war nötig und schießen musste er können.

Der Krieg wurde dadurch preiswerter, denn der teure und oftmals aufmüpfige Recke wurde  ersetzt durch den Bauern, Schmied oder Schneider. Nur gut schießen mussten diese können, die Gewehre stellte der Landesherr. In den Dörfern bildeten sich Kompanien, die nach Farben benannt wurden und an Sonntagen oder abends übten. Die Söhne der Bauern bildeten berittene Einheiten, die als Übungsgelände den Reuteranger (Reiteranger) benutzten. Auch hier in Wennigsen gab es diese Wiese, die heute noch als Reuteranger im Dörgingsfeld bekannt ist.

Hier sind wir am Entstehungspunkt unserer Schützenfeste. Jetzt kann auch Otto Normalverbraucher ans Gewehr und damit ihm dies Spaß bereitet, wurden allerlei Preise und Vergünstigungen für die besten Schützen ausgelobt und auch das sonst gar nicht so billige Bier floss kostenlos.Offiziere der Garden 1934

Einer macht immer den Anfang, einer entdeckt als erster diese neuen Möglichkeiten und dieser erste in Europa, das war Herzog Julius von Braunschweig. Dieser Welfe regierte, als Chef der mittleren Linie des Hauses, einen Teil der Braunschweiger Lande, nämlich Wolfenbüttel und Calenberg, von 1568 bis 1589. Unser Wennigsen liegt in Calenberg.

Sein Vater, Heinrich der Jüngere, stand im Mittelpunkt der Hildesheimer Stiftsfehde und des Markgräfler Krieges, die beide unsere Heimat auf Jahre hinaus verarmen ließen, Dörfer in Schutt und Asche legten und manche für immer auslöschten. Die Söldnertruppen kosteten Unsummen und belasteten die Staatskasse auf Jahre hinaus.

Julius war für den geistlichen Stand vorgesehen, doch durch den Tod seines älteren Bruders in der Schlacht bei Sievershausen wurde er der Erbe und übernahm beim Tode seines Vaters die Herrschaft und die zerrütteten Finanzen.

Seine Reformen finden in Europa große Beachtung. Selbst Heinrich IV. von Navarra und Frankreich (Paris ist eine Messe wert sagte er, wurde katholisch und König v. Frankreich) ließ sich von ihm beraten und gegen Entgelt Truppen zuführen. Am Ende seiner Regierung waren seine Länder schuldenfrei. Eine Besonderheit waren seine militärischen Neuerungen. Um das unzuverlässige und teure Söldnerwesen zu ersetzen, ordnete er für die Städte Schützenfeste an, um die Bürger im Gebrauch der Feuerwaffen zu unterrichten. Auch die Bauern wurden von den Vögten angehalten, sonntags zur Unterweisung im Schießen anzutreten.

So war also unser Herzog Julius der erst Fürst Europas, der diese neue Chance erkannte und umsetzte. Als besonderes Nebenprodukt schuf er die Schützenfeste, denn zu gewissen Zeiten mussten die Untertanen ihre Fertigkeit im Schießen unter Beweis stellen. Dass die Geselligkeit hier nicht zu kurz kam, bedarf keines besonderen Hinweises.

Diese Schützenfeste hatten auch damals bereits eine gewisse Tradition, denn Julius brauchte nur auf das Armbrustschießen zurückgreifen. Doch sehr verbreitet war dies nicht, denn es waren enorme Kräfte nötig, um die Armbrust zu spannen und somit war der Kreis dieser Schützen sehr begrenzt.

In Gittelde am Harz errichtet Herzog Julius eine Waffenschmiede, in welcher u.a. auch die Gewehre gefertigt wurden, die jeder Waffenfähige gegen geringes Entgelt erwerben konnte. Darüber hinaus förderte er das Ganze durch Pokale und sonstige Vergünstigungen. Der Beste konnte sich von der Steuer freischießen und so kam ein neuer Name ins Spiel: Freischießen.

Irgendwann wurde den Städten das Freischießen zu teuer und man stritt mit den Fürsten um die Kosten, welche man nicht mehr tragen wollte. Auch war es nicht mehr so nötig zu üben, denn im 17. und 18. Jahrhundert kamen die stehenden Heere auf und  alles änderte sich.

Die Schützen blieben auf der Strecke, ja man sah es plötzlich gar nicht mehr so gern, dass der einfache Mann das Schießen erlernte. Doch man bildete Gilden und hielt die Tradition aufrecht. Wurde man in alten Zeiten fast zum Schießen gezwungen, wenn auch mit vielen Vergünstigungen verbrämt, so bestand man nun auf den erworbenen Rechten.

Der König Ernst August fand im Schützenwesen ein traditionell königs- und welfentreues Klientel vor. Seine Hinwendung besonders zum ländlich-bäuerlichen Teil der Bevölkerung fand hier große Anerkennung und so wurde das Schützenwesen, nun nicht mehr real, so doch ideell zu einer gerade zu staatstragenden Gesellschaftsform.

In dieser Zeit beginnt man auch alles neu zu ordnen. Es beginnen sich Vereine zu bilden, die ihre Mitglieder uniformieren und Fahnen und Standarten anschaffen, falls diese noch nicht vorhanden waren. Besonders das Schützenwesen bildete sich hier sehr stark heraus. Man pflegte das Schießen nun als Zeitvertreib.

Aber es blieben auch lose Vereinigungen, die in zeitlich festgelegten Intervallen ihre Feste feierten und ihre, nun König genannten, besten Männer ausschossen. So war das auch bei uns in Wennigsen.

Wie in alten Zeiten, so ließ man dann die Mannschaften Revue passieren, pflegte die Gesellschaft, das Schießen, das Reiten, kurz gesagt, die Traditionen.

Der Untergang der alten Hannoverschen Armee 1866 wird sicherlich der Grund gewesen sein, diese alten Uniformen auf den Festen weiter zu tragen und dieses System auch noch auszubauen, in dem man auch Chargen vergab, die über denen eines Hauptmannes lagen. War es doch der Uniformträger der Hannoverschen Armee, der den Freischützen das Schießen beibrachte und dieses trainierte, wie man heute sagen würde. Die hannoverschen Uniformen wurden bis zum Beginn des 2. Weltkrieges beim Wennigser Freischießen getragen.

Die Geschäftsräume der Uniformverleiher gingen im Bombenhagel unter und so musste man sich nach dem Kriege um andere Möglichkeiten bemühen. Man fand in der Dortmunder Firma Sommer einen Uniformverleih, der hier in die Bresche sprang, doch statt der alten hannoverschen hatte er preußische Uniformen für die Wennigser und so ist es bis heute geblieben und recht spät wurden wir von Hannoveranern zu Preußen.


In unseren Nachbarorten schlief das Freischießen ein. Barsinghausen hatte vor dem 1. Weltkrieg sein letztes Fest, Egestorf versucht 1938 einen neuen Anfang, konnte nach dem 2. Weltkrieg die Sache nicht mehr in Gang bekommen und Bredenbeck wurde das Fest durch königliche Order gleich zweimal verboten.(Bemühungen aus Bredenbeck)

Bei diesen Bredenbecker Verboten können wir erstmalig auch amtlich vernehmen, dass auch in Wennigsen ein Freischießen abgehalten wurde bzw. verboten wurde.

Wie ein Blick auf die Königskette zeigt, waren die Verbote, zumindest für Wennigsen 1858 aufgehoben. Im Vorfeld zu diesem Fest gab es folgenden Schriftverkehr. (Erkenntnisse aus dem Staatsarchivin Pattensen) Erstmalig ist auch eine Satzung erstellt worden. Wir wissen es nicht, ob die Behörden diese Ordnung zur Auflage machten, um Ausschreitungen bei diesen Festivitäten auszuschließen, können es aber mit Sicherheit annehmen.

Hier muß Wennigsen wohl bevorzugt worden sein, denn Bredenbeck richtet erst 1874 wieder ein Freischießen aus. Wieder war es ein Unglücksfall, dem wir diese Nachricht verdanken, denn bei Schießübungen wurde Ernst Klages vom Schützen Oldekopf blind geschossen. Man stelle sich vor, die Kompanien schossen mit Schrot aufeinander.

Den Bredenbeckern wurde mit sofortiger Wirkung das Freischießen untersagt. Erst 1899 durfte wieder gefeiert werden. Darunter litt natürlich alles, doch die Bredenbecker ließen sich nicht entmutigen, sie gründeten einen Schützenverein, den ältesten in unserer Gegend und schufen damit praktisch die Grundlage zum sportlichen Schießen.

Doch auch hier in Wennigsen wurde scharf geschossen. Bei einem Übungsschießen vor dem 1. Weltkrieg, welches im „Sacke“ stattfand, wurde einem Teilnehmer ein Finger abgeschossen, der sich später bei Homeiers in der Dachrinne wieder fand.

In Wennigsen feiern wir immer noch das Freischießen. Vielleicht haben wir dies den nach dem 2. Weltkrieg eingeführten Holzgewehren zu verdanken, die der Möbelfabrikant Busch herstellte und stiftete.

Auch in Eldagsen wird weiter gefeiert und in Pattensen findet alles im Gehrock und Zylinder statt.

Auch das größte Schützenfest der Welt, in Hannover, ist nichts anderes als das unsere, nur in riesiger Form. Auch hier finden sich verschiedene Farben, welche die vier Züge führen. Bei uns sind es drei Kompanien und zählt man den Landsturm hinzu, ergibt dies ein gleiches Ergebnis.

Das System des Freischießens und der damit verbundenen Schützenfeste hat sich geändert, ist in den meisten Orten völlig verloren gegangen und hat dort, wo es weiter besteht, sehr unter-schiedliche Formen angenommen. Doch die Grundtendenz ist geblieben.

Auch in Wennigsen ist ein ständiger, sagen wir schleichender Umbruch zu bemerken. Damals griff man noch oft auf Gebräuche der Vorkriegszeit zurück und es fanden sehr viel mehr Versammlungen statt, auf denen dann um jedes Ritual gerungen wurde.

Mal ging es darum, ob der Landsturm mit Musik abgeholt wird, mal ging es um die Schluck-zuteilungen. Die einen bestritten dies und andere wiederum führen Präzedenzfälle aus den 20iger Jahren an. Es war lustig und kämpferisch zugleich.

Der Schnaps spielte damals noch eine außerordentliche Rolle, denn altem Herkommen nach erhielten die Kompanien unterschiedliche Rationen, doch die Schaffer bekamen das größte Kontingent, mussten sie doch die Sponsoren des Fahnenschwenkens bewirten.

Die „Wennigser Zeitung“ Nachrichtenblatt für Wennigsen, Degersen, Argestorf, Redderse und die umliegenden Orte, berichtete am 07. Juni 1929:

Die erste Offiziersversammlung zum bevorstehenden Schützenfest fand am 30. Mai bei Gastwirt Grobe statt. Für die Musik wurde 920,- RM für alle drei Tage einschließlich Zapfenstreich bewilligt. Der Preis des Bieres für die Hack ist noch nicht festgesetzt. Man will erst das Angebot der Brauereien abwarten. Der Landsturm soll am ersten Tag grüne, am zweiten Tag rote und am dritten Tag gelbe Kokarden tragen. Lehrlinge bis zum 18. Lebensjahr zahlen 50 Pfg., alle übrigen Teilnehmer sowie der Landsturm 1,- RM als Anzahlung. Jeder Wennigser Bürger, der nicht am Umzuge teilnimmt, d. h. sich als Festteilnehmer nicht anmeldet, muss pro Tag 6,- RM Tanzgeld bezahlen. Junge Leute unter 25 Jahre müssen den Ausmarsch unter Gewehr mitmachen. An Branntwein wurde bewilligt: Für die Hauptleute pro Tag 1 Liter, für den 1. Leutnant ebenfalls 1 Liter, für den 2. Leutnant für alle 3 Tage 8 Liter, für den Landsturm für alle 3 Tage 12 Liter. Die Fahnenschwenker erhalten für alle 3 Tage pro Mann 1 Liter. Nachbewilligungen gibt es nicht. Die nächste Offiziersversammlung findet am Donnerstag, den 13. Juni 1929 bei Gastwirt R. Rokahr statt.

Der Schnaps spielt nicht mehr die große Rolle und der „Schluckoberst“ weiß oft gar nicht mehr, wie er zu diesem Namen kommt. So sind viele, früher sehr beachtete Formen gefallen und neue eingeführt worden. Die Zeit forderte wohl immer ihren Tribut und heute kommt die Bequemlichkeit vieler Teilnehmer noch hinzu.

Die Pferde wurden früher mit Buchsbaumgirlanden geschmückt und die Karthäuser Nelke war das Symbol dieses Festes und fehlte nirgends. Die Offiziere luden ganz selbstverständlich die Adjutanten zu Mittagessen und Frühstück ein und auch die Hauseingänge wurden mit Buchsbaum geschmückt.

Das Losmachen fand am ersten Sonntag im Mai an der Argestorfer Spitze statt und dabei wurden die künftigen Offiziere nicht so stark zur Kasse gebeten, wenn überhaupt. Das Fest fand statt am letzten Sonntag im Juni. Doch meist regnete es dann und wo wurde es einfach um eine Woche vorgezogen und nun klappt es mit dem Sonnenschein.

Doch eins ist unverändert geblieben: Die unbändige Freude an diesem großen Spiel, welches alles einebnet, was sonst vielleicht trennt. Ganz verschiedene Charaktere werden zusammengeführt und Freundschaften gestiftet. Das Freischießen erhält die Dorfgemeinschaft lebendig, fördert die Eingliederung neuer Wennigser und schafft eine innerörtliche Atmosphäre, wie man dies selten oder gar nicht mehr im ganzen Umkreis findet.

Hoffentlich hört man es noch lange, wenn es denn wieder zu hören ist:

......in Wenschesen ist wat leos, et wart leos-e-moaket – balle ist wear Fröischeiten!!